Allgemeine Zeitung Ingelheim 09.07.2015

Von der Arbeit im Dauerregen der Pestizide

Von Sören Heim

WOCHE DER NACHHALTIGKEIT Referat über unfairen Handel und die Folgen / WBZ-Direktor stellt sich kritischen Fragen von Gymnasiasten

INGELHEIM - Dr. Florian Pfeil spricht von Rosenfarmen in Äthiopien, wo der Großteil, der in Deutschland verkauften Rosen herkommt. Von Arbeiterinnen dort, die mit weniger als umgerechnet 30 Euro im Monat auskommen müssen. Von der Arbeit in riesigen Gewächshäusern im steten Regen der Pestizide. Er spricht von Näherinnen und Nähern in Bangladesch, deren Lebenserwartung zehn Jahre unterhalb der durchschnittlichen Bevölkerung liege. Auch den Einsturz der Fabrik Rana Plaza, wo mehr als 1000 Arbeiter ums Leben kamen, erwähnt der Direktor des Weiterbildungszentrums Ingelheim. „Nur damit wir wissen, wovon die Rede ist, wenn ich sage: unfairer Handel, unfaire Arbeitsbedingungen.“

 

„Kann Fairer Handel die Welt FAIRändern?“ so lautete die Fragestellung, unter der Pfeil im Rahmen der von der Schülervertretung anberaumten „Woche der Nachhaltigkeit“ am Sebastian-Münster-Gymnasium in Ingelheim referierte. Doch nicht nur die Arbeitsbedingungen selbst seien ein Problem. Unfair sei der moderne Welthandel auch, weil Prinzipien wie der Freihandel nur sehr selektiv geltend gemacht würden. Das illustriert Pfeil unter anderem anhand der Einfuhrzölle für Schokolade, die beinahe 50 Prozent des Verkaufspreises betrügen, was in vielen Entwicklungsländern den Aufbau einer verarbeitenden Industrie nicht lukrativ mache, andererseits am Beispiel europäischer Agrarsubventionen: „Die sind so hoch, dass etwa Hühnchen aus Europa auf afrikanischen Märkten billiger sind als die einheimischen Produkte“.

 

Fairer Handel versuche hier Abhilfe zu schaffen, indem durch einen gewissen Aufpreis auf Produkte, die unter anderem frei von Kinderarbeit und so ökologisch wie möglich hergestellt werden, Löhnen gesichert werden, von denen die Arbeiter und Bauern leben können. Der große Vorteil gegenüber Entwicklungshilfe und privaten Hilfsaktionen, findet Pfeil, sei, „dass es sich nicht um eine Spende handelt. Es geht darum, gerechte Bedingungen herzustellen, die Produzenten sind uns nicht ewig zum Dank verpflichtet“.

 

So weit die Theorie. Im Anschluss hatte sich Pfeil durchaus kritischen Fragen von Schülern zu stellen, die für das Thema sichtlich sensibilisiert waren. Kein Wunder, waren doch die Erdkundekurse und die „Fairtrade AG“ des SMG anwesend. Zudem soll die Schule am Mittwoch als „Fairtrade School“ ausgezeichnet werden. Was Pfeil einem deutschen Kleinbauern sagen würde, der ohne die Agrarsubventionen der EU seinen Lebensunterhalt verlöre, wollte das Auditorium unter anderem wissen. Man solle nie das Leid des Einen gegen den Anderen ausspielen, so Pfeil. Vergessen sollte man aber auch nicht, dass es weniger die Kleinbauern seien, als die große Agrarindustrie, die von Subventionen profitiere.

 

Relative Transparenz

 

Auch auf Fairtrade-kritische Studien, die etwa nachwiesen, dass es Aushilfsarbeitern auf Fairtrade-Farmen nicht besser gehe als auf anderen Farmen, ging Pfeil ein. „Das wurde registriert und Fairtrade hat reagiert. Das finde ich das Schöne: Es ist relativ transparent. Wo Missstände auftreten, versucht man, etwas zu ändern“. Kritisch zu gibt er auch, dass der Zugang zum System manchmal ein Problem darstelle: „Die Umstellung auf Fair Trade ist eine Investition. Hier versucht man, durch die Vermittlung geeigneter Partner zu helfen“.

Bei den Schülerinnen und Schülern kam die Veranstaltung trotz Schwimmbadwetters draußen gut an. Obwohl er in Erdkunde bereits vieles zum Thema gelernt habe, sagt Negus Stieh, habe er hier Neues erfahren, „besonders zu Fällen, in denen die Hilfe wirklich sichtbar wird“. Und Ann-Sophie Voss, die sich privat gegen Kinderarbeit engagiert, erklärt: „Was ich heute gehört habe, bringt mich schon dazu, öfter fair kaufen zu wollen“. Allerdings, gibt sie zu bedenken, „ist der deutlich höhere Preis für Schüler doch kein kleines Problem“.

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