Nachrichten Allgemeine Zeitung Ingelheim 01.07.2015

 

„Fairtrade heißt für mich Gerechtigkeit“

 

Sevil Kocapinar füllt eine der Fairtrade-Tüten für ihre Mitschüler. <br />
	Foto: Thomas Schmidt

Sevil Kocapinar füllt eine der Fairtrade-Tüten für ihre Mitschüler.
Foto: Thomas Schmidt

 

 

Von Beate Schwenk

BBS-SCHULTEAM Vorsitzende Sevil Kocapinar hat Mitschüler mit ihrer Begeisterung für die Sache angesteckt / Rückkehr in Heimat

INGELHEIM - Sevil Kocapinar packt fleißig Beutel mit fair gehandelten Produkten. Kleinigkeiten wie nachhaltig produzierte Holzkugelschreiber oder faire Schokolade wandern in die Tüten, die bei der letzten Sitzung ihres Fairtrade-Schulteams verteilt werden. Neun Mitglieder der 25-köpfigen Projektgruppe werden die Berufsbildende Schule (BBS) Ingelheim mit Beginn der Sommerferien verlassen. Und alle neun bekommen ein Präsent. Auch für sich selbst packt Sevil Kocapinar eine Tüte. Denn die Gau-Algesheimerin steht unmittelbar vor ihrem Abschluss der „Höheren Berufsfachschule Sozialassistenz“ nebst Fachabitur.

 

Danach heißt es Koffer packen. Die 19-Jährige wird nach Nordrhein-Westfalen zurückkehren, wo sie auch geboren wurde, und dort eine Ausbildung zur Krankenpflegerin beginnen. Danach plant Sevil ein Studium mit dem Berufsziel „Lehrerin im Fachbereich Gesundheit“.

 

Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler an der BBS werden die 19-Jährige vermissen – und das nicht nur wegen ihrer sympathischen Art, sondern auch, weil Sevil an der Schule einiges bewegt hat. Als Vorsitzende des Fairtrade-Schulteams hat sie maßgeblich mit dazu beigetragen, dass sich die BBS seit einem knappen Jahr mit dem Fairtrade-Logo schmücken darf.

 

Start vor zwei Jahren

 

Als vor rund zwei Jahren die Projektgruppe gebildet wurde, war Sevil sofort mit an Bord. „Fairtrade heißt für mich Gerechtigkeit“, erklärt die Schülerin, „und ich finde es selbstverständlich, zu helfen“. Zunächst skeptisch war sie allerdings, als ihr der Vorsitz des Schulteams angetragen wurde. „Ich bin eher zurückhaltend und rede nicht gern viel. Eigentlich bin ich nur fleißig“, sagt sie bescheiden. Ihrer Lehrerin zuliebe hat sie dann aber doch den Sprung ins kalte Wasser gewagt. Eine gute Entscheidung für alle Seiten, denn Sevil hat nicht nur fleißig gearbeitet, viele Aktionen koordiniert und ihre Mitschüler begeistert, sie hat auch selbst dazugelernt, ist „selbstbewusster geworden“, wie sie sagt.

 

Sevil reißt sich zwar noch immer nicht darum, vor größeren Gruppen Reden zu halten, doch wenn sie es tut, macht sie ihre Sache gut. Vor allem aber konnte sie in ihrem Amt als Vorsitzende ihr Organisationstalent und ihre Kreativität in die Waagschale werfen. Sie hat Konzepte erstellt, Artikel geschrieben, die Arbeit des Teams in einem Internet-Blog und in Videoclips dokumentiert.

 

Insgesamt 39 Aktionen hat die Projektgruppe in den letzten zwei Jahren organisiert. Zum Muttertag wurden fair gehandelte Rosen verkauft, es gab ein faires Kaffeekränzchen, und die Junior-Firma der Schule eröffnete einen Eine-Welt-Kiosk, an dem faire Getränke, Snacks und inzwischen auch Schreibwaren angeboten werden.

 

Automaten umgestellt

 

Als Erfolg verbuchen kann die Vorsitzende des Schulteams auch die Umstellung des Getränkeautomaten an der Schule auf fairen Kaffee und Kakao. Sogar eine Spendenaktion hat die Gau-Algesheimerin organisiert. Vergangenes Jahr hat sie mit ihrem Team 300 Euro für den Bau einer Übergangswohngruppe im Haus St. Martin gesammelt. In der Einrichtung für schwerstmehrfachbehinderte Kinder hatte Sevil zuvor ihr Schulpraktikum absolviert.

In Zukunft muss das Fairtrade-Team der BBS nun also ohne seine engagierte Chefin auskommen. So ganz aus der Welt ist sie jedoch nicht. Wenn die Projektgruppe Hilfe brauche, werde sie aus der Ferne mit Rat und Tat zur Seite stehen, verspricht die 19-Jährige, die den Blick auch schon mal auf ihre künftige Wirkungsstätte richtet. „Vielleicht kann ich an meiner neuen Schule wieder etwas aufbauen“, liebäugelt sie bereits mit einer Fortsetzung ihres ehrenamtlichen Engagements.

http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/ingelheim/ingelheim/fairtrade-heisst-fuer-mich-gerechtigkeit